09.09.2018 - "Boardels Haus" lädt ein zum Tag des offenen Denkmals 2018


    Die meisten deutschen Städte haben mittlerweile ihre historischen Innenstädte saniert, besonders solche mit einem hohen Fachwerkbestand wie z.B. Limburg oder Herborn sind darauf stolz. Der Mensch im 21. Jahrhundert liebt Fachwerkhäuser, wie eine Umfrage zeigt. Nie zuvor hatte das Fachwerk solch einen hohen Stellenwert im Image-Ranking der Städte. Für ein denkmalgeschütztes Haus würde die Mehrheit der Bundesdeutschen heute gerne einen höheren Preis bezahlen, so eine aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. In Rennerod kann man seit zwei Jahren sogar in dem ältesten Haus der Stadt "auf Zeit wohnen" und dort ein Wochenende oder sogar den Urlaub verbringen. Das sogenannte "Boardels Haus von 1708" im Friedhofweg bietet mit seiner weit ausladenden Obstwiese genau das, was "gestresste" Feriengäste brauchen: Entschleunigung, Entspannung und Erholung in unmittelbarer Nähe zum WesterwaldSteig.

    Unter dem Motto "Entdecken, was uns verbindet" steht der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 9. September 2018. An diesem Tag können die Besucher von "Boardels Haus" in Rennerod ab 10 Uhr bis 18 Uhr auf eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit gehen. Die Innenräume sind im letzten Jahr mit Möbeln aus der Zeit des Historismus komplettiert worden und zeigen, wie elegant sich Fachwerkhäuser auch Innen gestalten lassen. Im Hofbereich wurde eine neue Sitzfläche unter Apfelbäumen angelegt und zwei Trockenmauern aus Westerwälder Basalt kaschieren jetzt einförmige Mauern aus Fertigbeton der 1970er Jahre.

    Der Denkmaltag 2018 in Rennerod soll den Besuchern bei "Boardels Haus" ein neues Bewußtsein schaffen für die gewachsene Bauweise im Hohen Westerwald: Die Eigentümer Marlies und Helmut R. Lang erläutern die Fachwerkkonstruktion, geben Tipps für den Ankauf historischen Baumaterials und nennen versierte Restauratoren im Handwerk aus dem Westerwaldkreis. "Boardels Haus" mitten in der Stadt Rennerod lädt am Tag des offenen Denkmals außerdem zu einer zeitgeschichtlichen Forschungsreise ein. Als Sinnbild des kollektiven Gedächtnisses für künftige Generationen dokumentiert das 310 Jahre alte Haus aus Eichenholz auch dramatische Einschnitte wie den Bombenangriff am 16. März 1945 auf Rennerod. An jenem Tag trafen zwischen 38 und 48 Fliegerbomben schwersten Kalibers vor allem die Straßenkreuzung B 54 / L 298 in Höhe der damaligen "Richter-Wohnungen" (heute Westerwaldbank); es wurden 34 tote und vermisste Einwohner und Soldaten gezählt, man beklagte 50 schwer- und 100 leichtverletzte Personen, 43 Häuser in Rennerod wurden total zerstört, 77 Gebäude im Ortskern schwer beschädigt.

    Der südöstlichste Bombentreffer zerstörte 1945 den kompletten Stall- und Scheunentrakt von „Boardels“; das Vieh im Stall verendete und die damaligen Bewohner des Wohnhauses entgingen nur mit knapper Not dem Tode. Durch die starke Druckwelle der Bombe verschob sich das Wandgefüge um rund 12 Zentimenter in östlicher Richtung; fast alle Holznagel-Verbindungen waren zerbrochen, die Gefache der Ostwand standen offen, das alte Schieferdach und mehr als die Hälfte der Wandgefache der Südfassade waren zerstört und mussten am Ende des Krieges, im kalten März 1945, wieder notdürftig mit Feldbrand-Ziegeln und Höhner Schwemmsteinen geschlossen und verfüllt werden. Unzählige handgeschmiedete Hufnägel aus der früheren Schmiede hielten bis 2016 die alten Eichenbalken zusammen und ausrangierte Eisenreifen von Rädern alter Viehwagen dienten bis zur Restaurierung als Winkeleisen zur Stabiliserung des Fachwerkgefüges. Die handgeschmiedeten Hufnägel, die Eisenreifen und die verbrannte Oberfläche des linken Eckpfostens dokumentieren bis heute überzeugend die enorme Dramatik dieses Kriegsereignisses und können am 9. September betrachtet werden.

    Nach wie vor sind die Nachfahren der "Boardels" sehr an weiteren alten Fotos ihres Anwesens im Friedhofsweg - am liebsten aus der Vorkriegszeit - aber auch an Aufnahmen der umliegenden Gebäude, z. B. vom heutigen Sängerheim des Männerchores Harmonie (vor 1970) interessiert. Jeweils eine gute Flasche deutschen Weins gibt es für jeden Besucher als "Belohnung", der ein bisher unbekanntes Privatfotos beisteuern kann oder Mitbürger kennt, die eine historische, schmiedeeiserne Hoflampe oder sogar eine alte Haustür aus einem Westerwälder Bauernhaus einer sinnvollen Weiterverwendung zuführen möchten. - Weitere Infos unter 02664-227.